Z Orthop Unfall 2026; 164(01): 6-8
DOI: 10.1055/a-2776-3124
Orthopädie und Unfallchirurgie aktuell

Interview mit Dr. Hendrik Kohlhof und Prof. Ulrich Christoph Liener zum Thema Alterstraumatologie

Authors

  • Guntram Fischer

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Abb. 1 Dr. Hendrik Kohlhof.
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Abb. 2 Prof. Ulrich Christoph Liener.

Wie lässt sich aus Ihrer fachlichen Sicht und Berufserfahrung die Prophylaxe im Bereich der Orthogeriatrie/Alterstraumatologie verbessern?

Liener: Bei der Prophylaxe in der Alterstraumatologie handelt es sich in erster Linie um Sekundärprophylaxe nach osteoporotischen Frakturen. Nach wie vor ist in Deutschland die Therapiequote der Osteoporose und insbesondere der manifesten Osteoporose bei bereits erlittenen Frakturen zu niedrig. Darüber hinaus ist die Therapieadhärenz bei Patienten, bei denen bereits die Osteoporose behandelt wird, verbesserungswürdig. Wünschenswert wäre bereits eine präoperative geriatrische Betreuung der Patienten, um im Sinne einer Prähabilitation bei geriatrischen Patienten mit elektiven Eingriffen deren Zustand präoperativ zu verbessern.
Kohlhof: Im Falle von traumatologischen Eingriffen sind prophylaktische Maßnahmen nur begrenzt einsetzbar. Bei altersorthopädischen Eingriffen (planbaren Operationen, Wechseloperationen oder Wirbelsäuleneingriffen) kann präoperativ eine Optimierung über ein mehrwöchiges Therapiefenster durchgeführt werden. In dieser Phase ist durch eine sog. geriatrische Intervention eine Optimierung der eingenommenen Medikamente (Polypharmazie), die Gangschulung (Patientenedukation) und physiotherapeutische Vorbereitung (Prärehabilitation) durchführbar, um das postoperative oder poststationäre Ergebnis deutlich zu verbessern.

Ist die beschriebene Co-Orthogeriatrie und die damit verbundene interdisziplinäre Zusammenarbeit innerklinisch umsetzbar? Welche strukturellen Voraussetzungen sind dafür notwendig?

Liener: Für die innerklinische interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Unfallchirurgie, Orthopädie und Geriatrie gibt es keine allgemeingültige Blaupause. Jede Zusammenarbeit orientiert sich an lokalen Gegebenheiten, vor allem an der Verfügbarkeit der Ressource Geriatrie. So ergeben sich verschiedene Modelle, je nachdem ob die Geriatrie als eigenständige Klinik in einem Krankenhaus vorhanden ist oder geriatrische Expertise durch Integration von Geriatern in das unfallchirurgische Team bereitgestellt wird. Auch durch eine Zusammenarbeit mit einem anderen Krankenhaus, welches eine geriatrische Abteilung bzw. eine unfallchirurgische Abteilung vorhält, kann eine standortübergreifende Verbesserung der Patientenversorgung herbeigeführt werden.
Kohlhof: Im Bereich der Alterstraumatologie gibt es mittlerweile klare gesetzliche Vorgaben in Form von G-BA-Beschlüssen, inwiefern ein Co-Management durch geriatrische Fachexpertise gewährleistet sein muss. Die Altersorthopädie steckt diesbezüglich noch in den „Kinderschuhen“. Dreh- und Angelpunkt – alterstraumatologisch wie altersorthopädisch – ist jedoch das benötigte Fachpersonal im interdisziplinären Kontext. Das Versorgungskonzept muss durch ein Case-Management flankiert werden, das in der Lage ist, die geriatrischen Patienten so schnell wie möglich erst in das notwendige frührehabilitative stationäre Setting und anschließend in die ambulante Umgebung zu überführen.

Wie kann die Vernetzung von präoperativ-ambulant mit der stationären Versorgung und der Weiterleitung in den postoperativ rehabilitativen und anschließend ambulanten Bereich besser organisiert werden?

Liener: Sinnvoll wäre die Etablierung von sog. Fracture Liaison Services bzw. Osteoporose-Netzwerken, in denen ein nahtloser Übergang der stationären Behandlung der Fraktur in die ambulante Weiterversorgung und Therapie der Osteoporose gewährleistet ist. Ein Disease-Management-Programm (DMP) für Osteoporose würde diese Entwicklung sicherlich positiv befördern.
Kohlhof: Die im Alterstraumaregister geforderten 120 Tage Follow-up stellen eine Möglichkeit zur Kontrolle des postoperativen Ergebnisses dar, jedoch entzieht sich oftmals die Versorgung im ambulanten Bereich dem Einfluss der Operateure. Eine Verbesserung könnte durch den flächendeckenden Einsatz von neuen digitalen Techniken, wie elektronische Patientenakte, Registertätigkeit, telemedizinische Einbindung und Einsatz von AI etc. erreicht werden. Auch haben wir mit dem Endoprothesenregister (EPRD) eine gute Möglichkeit der Qualitätskontrolle.

Durch die Krankenhausreform wird sich die Struktur von DRG- hin zu einer leistungsgruppenbezogenen Vergütung und Vorhaltepauschale verändern. Die Frakturen im Bereich der Hüfte sind die häufigste operativ im Krankenhaus behandelte Verletzung. Sind aus Ihrer Sicht die Ansätze der Krankenhausreform mit der Bildung von Schwerpunkten auch in diesem Bereich der richtige Weg?

Liener: Die Herausforderungen, welche sich aus der Zunahme der Patientenzahlen aufgrund des demografischen Wandels ergeben, lassen sich nur durch eine Konzentration von Ressourcen lösen. Neben diesen infrastrukturellen bzw. logistischen Ansätzen gibt es zusätzlich auch in der Traumatologie eine Volume-Outcome-Beziehung, d. h. ein Zusammenhang zwischen Anzahl der durchgeführten Interventionen und der Gesamtqualität.
Kohlhof: Grundsätzlich ist der Ansatz, eine Optimierung der Behandlungsmöglichkeiten durch den effizienteren Nutzen der personellen als auch Infrastrukturressourcen zu erzielen, vorteilhaft. Allerdings ist die geriatrische Co-Betreuung der geriatrischen Patienten personell und damit auch finanziell aufwendig. Grundsätzlich ist es gut, dass über die Krankenhausreform Bereiche insbesondere mit hohen Fallzahlen (wie der Hüftfraktur) dezidiert betrachtet und optimiert werden. Allerdings muss ein entsprechendes Re-Imbursement für den erhöhten Aufwand gewährleistet sein.

Stellt (aus Ihrer Sicht) das Endoprothesenregister eine sinnvolle Maßnahme zur Qualitätssicherung in der Orthogeriatrie dar?

Liener: Das Endoprothesenregister ist eine sinnvolle Maßnahme zur Qualitätssicherung im Bereich der Frakturendoprothetik. Diese ist jedoch nur ein Teilaspekt der Versorgung von geriatrischen Frakturen. Zur Qualitätsverbesserung wurden vor einigen Jahren Alterstraumazentren etabliert. Die Alterstraumazentren und das hiermit verbundene Alterstraumaregister stellen eine speziell auf die Alterstraumatologie zugeschnittene Qualitätsmaßnahme dar.
Kohlhof: Aus meiner Sicht kann ich hier ein klares „Ja“ geben, auch wenn das Endoprothesenregister und die damit verbundene Zertifizierung von Endoprothetikzentren immer wieder auf den Prüfstand gestellt wird, zeigt sich, dass allein schon durch die Reflexion der eigenen Tätigkeit stets eine medizinische Verbesserung erzielt werden kann. Kurzum, das deutsche Endoprothesenregister verbessert die Qualität in der Versorgung insbesondere des älteren Patienten.

Kann der absehbar steigende Versorgungsbedarf (operativ und konservativ) der älteren Patienten mit den veränderten Vorstellungen der nachfolgenden Ärztegeneration personell und strukturell abgedeckt werden?

Liener: Auf der einen Seite ergibt sich ein zunehmender Versorgungsbedarf durch die bekannten demografischen Veränderungen und auf der anderen Seite steigt die Nachfrage nach alternativen Arbeitszeitmodellen, wie z. B. Teilzeitmodellen. Diese Gesamtkonstellation stellt Kliniken vor große Herausforderungen. Es ist notwendig, sich von rigiden Arbeitszeitvorgaben und veralteten Organisationsformen zu lösen, um auf der einen Seite die Patientenversorgung mit hoher Qualität weiter zu gewährleisten und andrerseits attraktive Arbeitsplatzbedingungen zu schaffen.
Kohlhof: Für eine dezidierte Fachbetreuung des geriatrischen Patienten ist eine Zusatzweiterbildung/Fachkunde für die Behandler auch aus dem Bereich Orthopädie/Unfallchirurgie und eine Schulung nicht nur des ärztlichen Fachpersonals, sondern auch intersektoral essenziell. Hier sind wir in der Ausbildung noch nicht optimal aufgestellt. Schon während des Medizinstudiums muss verstärkt auf die Besonderheiten dieses Patientenkollektivs hingewiesen werden. Ebenso in der fachärztlichen Ausbildung. Ein erster Schritt ist, dass die notwendigen Weiterbildungsmöglichkeiten auch für die Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie erworben werden können. Hierdurch ist sicherlich eine Verbesserung der gesamten Situation zu erwarten.

Laut Jahresbericht des Endoprothesenregisters erfolgten 2023 in den 751 teilnehmenden Kliniken 347702 endoprothetische Eingriffe (davon 177826 Hüft-TEP-Erstimplantationen). Wird in Deutschland zu früh und zu häufig Gelenkersatz durchgeführt?

Liener: Im OECD-Vergleich werden in Deutschland und in der Schweiz die höchste Anzahl an Hüftprothesen-Erstimplantationen pro Einwohner durchgeführt. Die Arbeitsgemeinschaft für Endoprothetik fordert hier zu Recht, eine verpflichtende Zertifizierung von Kliniken, die Hüft- und Kniegelenke implantieren, um eine bessere Qualitätssicherung durchzuführen und überflüssige Eingriffe zu vermeiden.
Kohlhof: Im Vergleich zu den investierten Kosten sind wir in allen Bereichen des deutschen Gesundheitssystems nicht effizient genug. Dennoch zeigt sich in den hohen Versorgungszahlen endoprothetisch eher ein Ausdruck der hohen Versorgungsqualität in Deutschland. Wir sind hier in der Lage, einen hohen Anteil der Patienten, die eine Endoprothese benötigen, ob traumatologisch oder degenerativ, auch zu versorgen. Studien zeigen eindeutig, dass auch hochbetagte Patienten, also über 80 und sogar noch 90-jährig, von derartigen Interventionen profitieren, wenn die Indikation natürlich eine richtige ist. Etwas überspitzt formuliert: Es ist nicht so, dass wir in Deutschland oder in dem deutschsprachigen Raum, ich zähle hier bewusst die Schweiz und Österreich mit hinzu, zu viel implantieren, sondern die anderen Länder eher zu wenig. Außerdem haben wir hochwertige Leitlinien zur Indikationsstellung. Die Einhaltung dieser Leitlinien wird in den zertifizierten Endoprothetikzentren (EndoCert) im Rahmen der Zertifizierungsprozesse regelmäßig überwacht.



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Article published online:
13 February 2026

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