Pneumologie 2026; 80(01): 74-75
DOI: 10.1055/a-2765-3131
Nachruf

Nachruf auf Prof. Dr. med. Gerhard Schultze-Werninghaus (16. Mai 1945 – 17. November 2025)

Mit tiefer Betroffenheit nehmen die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) und die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI) Abschied von Prof. Dr. med. Gerhard Schultze-Werninghaus, der am 17. November 2025 in Bochum verstorben ist.

Mit ihm verliert die deutsche Pneumologie und Allergologie eine herausragende Persönlichkeit, die über Jahrzehnte hinweg beide Fachgebiete maßgeblich geprägt und miteinander verbunden hat. Sein ärztliches, wissenschaftliches und akademisches Wirken steht exemplarisch für eine integrative Medizin, die klinische Exzellenz, wissenschaftliche Neugier und ärztliche Verantwortung in besonderer Weise vereinte.

Gerhard Schultze-Werninghaus wurde am 16. Mai 1945 in Hamburg geboren. Nach dem Studium der Humanmedizin in Freiburg im Breisgau und anschließender Promotion begann er seine klinische Laufbahn in der Asthma-Klinik Bad Lippspringe, einer für die Entwicklung der Allergologie und pneumologischen Entzündungsmedizin traditionsreichen Wirkungsstätte. Bereits früh zeigte sich sein besonderes Interesse an den immunologischen Grundlagen von Atemwegserkrankungen.

1973 wechselte er an das Universitätsklinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, wo er rasch eine zentrale Rolle innerhalb der pneumologischen Universitätsmedizin übernahm. Nach der Habilitation entwickelte er sich dort zu einem prägenden klinischen und wissenschaftlichen Lehrer und wurde zunächst Oberarzt, später Geschäftsführender Oberarzt der Abteilung für Pneumologie des Zentrums der Inneren Medizin. Parallel engagierte er sich weiter in Forschung und Lehre, sodass ihm eine außerplanmäßige Professur an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt zuerkannt wurde.

Einen entscheidenden Schritt seines beruflichen Wirkens bedeutete der Ruf an das Berufsgenossenschaftliche Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum, Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum, im Jahr 1991. Dort übernahm Prof. Schultze-Werninghaus die Leitung der pneumologischen Abteilung, die er mit großem Engagement und strategischer Weitsicht ausbaute. 2003 wurde die Abteilung in eine eigenständige Klinik für Pneumologie, Allergologie, Schlaf- und Beatmungsmedizin überführt, deren Direktor Schultze-Werninghaus bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2010 war.

Nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst am Bergmannsheil Bochum wechselte er in Vollzeit als Beratungsarzt zur BG RCI. Diese Funktion übte er gewohnt prägend mit Akribie und Passion bis zum Ortswechsel des BG-Verwaltungsgebäudes kurz vor seinem 80. Geburtstag aus und übernahm so für nachfolgende Generationen von Gutachtern und Beratungsärzten auch in dieser Position eine große Vorbildfunktion.

Das wissenschaftliche Lebenswerk von Prof. Schultze-Werninghaus ist durch thematische Breite und inhaltliche Tiefe gleichermaßen gekennzeichnet. Im Mittelpunkt standen v. a. das Asthma bronchiale und allergische Atemwegserkrankungen, insbesondere deren immunologische und entzündliche Grundlagen. Er entwickelte sich zu einem wichtigen Experten für berufs- und umweltbedingte Lungenerkrankungen, darunter die Silikose und andere durch Pneumokoniosen verursachte Krankheitsbilder, und unterstütze sehr die Etablierung und Weiterentwicklung der Schlaf- und Beatmungsmedizin mit Aufbau strukturierter Diagnostik und Therapie schlafbezogener Atmungsstörungen. Wichtig waren auch seine Beiträge zur Weiterentwicklung der klinischen Pneumologie an der Schnittstelle zur klinischen Immunologie.

Seine wissenschaftliche Produktivität war außergewöhnlich: Mehr als 200 Publikationen in nationalen und internationalen Fachzeitschriften sowie zahlreiche Buchbeiträge dokumentieren seinen nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung moderner pneumologischer und allergologischer Konzepte. Viele seiner Arbeiten bildeten die Grundlage für spätere Leitlinien, diagnostische Standards und interdisziplinäre Versorgungsmodelle.

Besondere Bedeutung hatte auch sein Engagement für die Förderung klinisch-experimenteller Forschung. Unter seiner Leitung wurde am Standort Bochum eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte klinische Forschergruppe etabliert, aus der später die Abteilung für Experimentelle Pneumologie der Ruhr-Universität Bochum hervorging. Damit trug er wesentlich zur nachhaltigen Verankerung translationaler Forschung in der Pneumologie bei.

Neben seiner wissenschaftlichen Leistung war Prof. Schultze-Werninghaus ein hochgeschätzter Lehrer und akademischer Mentor. Generationen von Studierenden, Ärztinnen und Ärzten sowie wissenschaftlichen Mitarbeitenden erfuhren durch ihn fachliche Förderung, persönliche Unterstützung und eine klare Orientierung an wissenschaftlicher Redlichkeit und klinischer Verantwortung. Aus seiner Klinik heraus wurden wichtige Chefarztstellen und Lehrstühle in Deutschland sehr erfolgreich besetzt.

Auch in den Fachgesellschaften engagierte sich Prof. Schultze-Werninghaus über viele Jahre hinweg in verantwortungsvollen Positionen. Ein besonderes Zeichen seiner integrativen Haltung war die Präsidentschaft des gemeinsamen Kongresses von DGP und DGAKI im Jahr 2002 in Bochum – ein Kongress, der die enge Verbindung von Pneumologie und Allergologie programmatisch widerspiegelte.

In Anerkennung seiner besonderen Leistungen um die Allergologie und Pneumologie war Prof. Schultze-Werninghaus von 2002 bis 2007 Präsident der DGAKI und wirkte im Vorstand der DGP maßgeblich an der strategischen Weiterentwicklung der pneumologischen Fachgesellschaft mit. 2013 verlieh ihm die DGAKI auf dem Deutschen Allergiekongress in Bochum die Medaille für herausragende Verdienste um die Allergologie und klinische Immunologie und die Verbindungen zur DGAKI. Zudem war er Mitbegründer und Präsident der Westdeutschen Gesellschaft für Pneumologie und setzte sich kontinuierlich für die enge Vernetzung von Fachgesellschaften, Kliniken und Forschungseinrichtungen ein.

Prof. Gerhard Schultze-Werninghaus war nicht nur ein exzellenter Wissenschaftler und Kliniker, sondern auch ein Mensch von großer persönlicher Integrität, Kollegialität und Verlässlichkeit. Sein Urteil war geschätzt, sein Rat gesucht. Er verband fachliche Klarheit mit Respekt gegenüber unterschiedlichen Positionen und förderte den offenen wissenschaftlichen Diskurs. Ihn charakterisierte eine gewisse norddeutsche Bescheidenheit, die jedoch verbunden war mit einer ausgeprägten Wagenburg-Mentalität, wenn es darum ging, sein Fach oder seine Mitarbeiter vor Angriffen zu schützen.

Die DGP und die DGAKI verlieren mit ihm eine prägende Gestalt ihrer gemeinsamen Geschichte. Sein Denken, seine Konzepte und seine Schülerinnen und Schüler werden sein Wirken weit über seine aktive Zeit hinaus forttragen.

Unser tief empfundenes Mitgefühl gilt seiner Familie und allen Angehörigen. Wir werden Prof. Dr. med. Gerhard Schultze-Werninghaus ein ehrendes Andenken bewahren und sein Lebenswerk in großer Dankbarkeit würdigen.


Im Namen der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) und der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI)


Prof. Dr. med. Gernot Rohde
Prof. Dr. med. Roland Buhl
Dr. med. Heiko Knoop
Prof. Dr. med. Kurt Rasche
Prof. Dr. med. Eckard Hamelmann, Präsident der DGAKI
Prof. Dr. med. Christian Taube, Präsident der DGP



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Article published online:
21 January 2026

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