Vor etwa zehn Jahren, im September 1990, hatte die
Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft „Pädiatrische
Hämatologie und Onkologie” der Gesellschaft für Pädiatrie
der DDR nach 24-jähriger erfolgreicher Arbeit auf der Basis der
Wiedervereinigung Deutschlands mehrheitlich entschieden, sich aufzulösen
und der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie
beizutreten. Dieses Datum berechtigt heute vielleicht zu einem kurzen
Rückblick vor allem auf den wissenschaftlichen Stand der
Leukämietherapie in dieser Arbeitsgemeinschaft. Bedenken existierten
damals sicher auf beiden Seiten. Auf östlicher Seite, die ja die
wesentlich kleinere Gruppe darstellte, war es vor allem die Unsicherheit vor
einem komplett neuem System, das zwar die meisten herbeigesehnt hatten, das
aber für sie im täglichen Leben viele Unwägbarkeiten enthielt.
Die westliche Seite als dominierende Gruppe mag vor allem darüber besorgt
gewesen sein, ob der Standard in den östlichen Zentren den Ansprüchen
des erreichten Standes der Ergebnisse entsprechen würde oder ob diese nach
unten gezogen würden. Rückblickend muss man feststellen, dass beide
Befürchtungen unberechtigt waren.
Die Entwicklung der pädiatrischen Onkologie vor allem auf dem
Gebiet der Therapie der akuten lymphoblastischen Leukämien innerhalb der
Arbeitsgemeinschaft „Pädiatrische Hämatologie und
Onkologie” der Gesellschaft für Pädiatrie der DDR spiegelt die
internationale Erfolgsgeschichte der 70er und 80er Jahre relativ korrekt wider.
In dieser Zeit wurden fünf Therapieprotokolle in den angeschlossenen neun
Kinderkliniken von Hochschulen und fünf Kinderkliniken von
Bezirkskrankenhäusern verwendet. Studienzentrale war die
Universitäts-Kinderklinik Jena. Im Jahre 1967 war die Arbeitsgemeinschaft
„Leukose im Kindesalter” von Wolfgang Plenert in Jena
gegründet worden, die später in die Arbeitsgemeinschaft
„Pädiatrische Hämatologie und Onkologie” umgewandelt
wurde. Nach anfänglich relativ lockerer Zusammenarbeit, jedoch mit
konkreten Therapieempfehlungen, wurde die Organisation in der zweiten
Hälfte der 70er Jahre gestrafft und ein Meldesystem mit einem
Referenzlabor für die morphologische und zytochemische, später auch
für die immunologische Diagnostik eingeführt.
Von 1973 bis 1981 orientierte sich die Therapie der ALL des Kindes
in der DDR an den so genannten Memphis-Protokollen von D. Pinkel und am
LSA2L2-Protokoll des Memorial Sloan Kettering Institutes
in New York. Aus Praktikabilitätsgründen soll hier nur auf die
Studien eingegangen werden, die seit 1976 durchgeführt wurden. Details der
verschiedenen Protokolle sind publiziert und sollen hier nicht näher
behandelt werden.
In Abstimmung mit der österreichischen Arbeitsgruppe unter der
Leitung von Prof. Krepler wurde 1976 ein Protokoll erarbeitet, das in der DDR
die Bezeichnung ALL-Therapie-Studie IV trug und das im Wesentlichen dem Memphis
„Total Therapy Protocol VII” entsprach. Von Januar 1976 bis
Dezember 1977 wurden insgesamt 111 Studienpatienten erfasst (Abb. [1]). Das Studiendesign sah bereits eine Diskriminierung
in Low- und High-Risk-Patienten vor. Obwohl 95 % der Kinder eine
Remission erreichten, betrug schließlich das EFS nur 35 %
(47 % für 34 Low-Risk- und 29 % für 77
High-Risk-Patienten).
In den folgenden Protokollen wurde nur für die
Low-Risk-Patienten eine intensivierte Memphis-Strategie, die häufigere
Reinduktionen mit Vincristin, Daunorubicin und Cytosin-Arabinosid für die
Dauer von 36 Monaten beinhaltete, beibehalten (ALL-Therapie-Studie V).
High-Risk-Patienten wurden nach dem LSA2L2-Protokoll nach
N. Wollner behandelt. Die Patientenaufnahme erfolgte von Januar 1978 bis April
1981 (Abb. 1). Die Gesamtzahl der Low- und High-Risk-Patienten betrug
267. 93 % der Patienten erreichten eine komplette Remission. Das
EFS war jedoch mit 41 % gegenüber der Vorstudie nur gering
verbessert worden (EFS für 183 Low-Risk-Patienten 47 % und
für 84 High-Risk-Patienten 27 %). Die Veränderungen in
der Verteilung der Patienten auf die Risikogruppen in den Jahren 1976/77 und
1978/81 zeigt, wie sich die Wichtung klinischer Risikomerkmale verändert
hatte.
Die vorliegenden unbefriedigenden Ergebnisse mit unserer bisherigen
Therapie und die inzwischen publizierten Daten der BFM-Gruppe (H. Riehm)
veranlassten die Studienleitung, den teilnehmenden Kliniken einen Wechsel in
der ALL-Therapiestrategie vorzuschlagen.
Dieser Wechsel wurde mit der Studie ALL-VII/81 realisiert, bei der
es sich um eine in zwei Positionen veränderte ALL-BFM-Studie 81 handelte.
Eine Veränderung bestand darin, dass L-Asparaginase nicht täglich in
einer Dosierung von 5000 E/m2 appliziert wurde, sondern
zweimal wöchentlich in einer Dosis von
10 000 E/m2. Die zweite Änderung bezog sich auf
die randomisierte Therapiedauer. Nach 18 Monaten erhielt ein Zweig nach einer
14-tägigen Therapiepause eine Reinduktion mit Protokoll III und danach
keine weitere Therapie. Patienten des zweiten Zweiges erhielten ohne Pause die
Dauertherapie für weitere 6 Monate. Das BFM-Protokoll sah diese späte
Reinduktion nicht vor.
Insgesamt waren von 1981 bis 1987 524 Studienpatienten in die Studie
ALL-VII/81 aufgenommen worden. Von allen Patienten erreichten
96 % eine erste komplette Remission (SR: 97 %, MR:
95 %, HR: 91 %). Das Gesamtergebnis des EFS lag bei
58 % (Abb. 1). Die Ergebnisse der in allen Risikogruppen
randomisierten Therapiedauer zeigten keinen Unterschied der Gruppe mit 18
Monaten plus Spätreinduktion gegenüber dem Zweig, der 24 Monate
Therapie erhielt. Insgesamt war eine Verbesserung der Heilungsrate von nahezu
20 % erreicht worden. Die persönliche Unterstützung
durch H. Riehm bei der Einführung der BFM-Strategie war von erheblicher
Bedeutung für die Motivation unserer Zentren.
Es folgte die ALL-BFM-Studie 86, die von der damaligen
Arbeitsgemeinschaft mit einer einzigen Modifikation übernommen wurde. In
der Studie ALL-VIII/87 wurde im M-Protokoll anstatt 5 g/m2
Methotrexat nur 1 g/m2 verwendet. Von 1/1988 bis 8/1991 waren
290 Studienpatienten aufgenommen worden. 97 % erreichten eine
erste komplette Remission, und das EFS beträgt für die Gesamtgruppe
76 % (SR-Gruppe: 84 %, Risikogruppe:
75 %, experimentelle Gruppe: 55 %). Bezüglich
der Modifikation ist festzustellen, dass dies keinen Nachteil für das
Gesamtergebnis brachte (Abb. [2]).
Inzwischen sind 10 Jahre vergangen, und die ostdeutsche
pädiatrische Onkologie und Hämatologie ist fest in der GPOH
verankert. Der überwiegende Teil der Kliniken hat sich den BFM-Studien
angeschlossen.