PSYCH up2date 2026; 20(01): 3-4
DOI: 10.1055/a-2731-7842
Editorial

Ärztliche Psychiatrie und Psychotherapie am Wendepunkt – Zwischen Fachkräftemangel, Versorgungsdruck und Digitalisierung

Authors

  • Falk Kiefer

Ärztliche Psychiatrie und Psychotherapie am Wendepunkt – Zwischen Fachkräftemangel, Versorgungsdruck und Digitalisierung

Aktuell ist die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung in Deutschland so fragil und reformbedürftig wie lange nicht. Während die gesellschaftliche Bedeutung psychischer Gesundheit parteiübergreifend erkannt wird, spitzen sich die Versorgungsengpässe in Kliniken und Praxen zu. Besonders dramatisch: der ärztliche Fachkräftemangel, der einen großen Teil der psychiatrisch-psychotherapeutischen Krankenhäuser betrifft und teils zur Einschränkung von Therapieangeboten zwingt. Strukturreformen und Digitalisierung werden als Rettungsanker diskutiert, drohen aber im aktuellen Reformstau unterzugehen.

Laut aktuellem Psychiatrie-Barometer (DKI) sind 77% der psychiatrischen Kliniken nicht in der Lage, offene Arztstellen zeitnah zu besetzen. Ursache: Neben dem Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge spielen Arbeitsverdichtung und Berührungsängste mit unserem Fach im Wettbewerb um medizinischen Nachwuchs eine wichtige Rolle. Ärztliche, psychologische wie pflegerische Teams arbeiten vielerorts am Limit, „stille Reserve“ und Teilzeitmodelle werden ausgereizt. Personalengpässe resultieren in Leistungsreduzierungen, insbesondere bei langwierigen, umfassenden Behandlungsfällen.

Bundesärztekammer und DGPPN warnen, dass Budgetkürzungen, wie sie aktuell zur Stabilisierung der GKV-Beiträge geplant sind, die psychiatrische Versorgung und Forschung massiv in Gefahr bringen. Dabei steigt die Nachfrage nach psychiatrischer Versorgung seit Jahren deutlich, bedingt durch gesellschaftlichen Wandel, demografische Verschiebungen und eine Zunahme chronischer psychischer Erkrankungen. Die in der „Personalausstattung Psychiatrie und Psychosomatik“-Richtlinie (PPP-RL) des G-BA festgelegten Mindestpersonalvorgaben können besonders in ländlichen Gebieten oft nicht erfüllt werden. Sanktionen werden Kliniken treffen, die ohnehin unterversorgt und finanziell belastet sind.

Die DGPPN und die Bundesärztekammer appellieren an die Politik, die Krankenhausreform auch für die Psychiatrie und Psychotherapie zu nutzen: weniger Bürokratie, mehr Flexibilität in Personaleinsatz und Leistungsplanung, Förderung multiprofessioneller Teams, Stärkung regionaler Kompetenzzentren.

Die Finanzierung muss reformiert werden: Weg von starren Bettenschlüsseln, hin zu einer „personenorientierten“ Leistungsplanung im Sinne des Recovery-Gedankens. Prävention, ambulante Behandlung im Krankenhaus, offene Sprechstunden, bessere Integration von Sozial- und Gemeindepsychiatrie und eine vernünftige Aufwertung psychiatrischer Arbeit stehen im Fokus der Reformempfehlungen der Fachgesellschaften.

Digitalisierung bietet das Potenzial, etwa durch telemedizinische Konsile und Videobehandlungen, die gerade im ärztlich unterversorgten ländlichen Raum teils schon heute Versorgungslücken zu schließen helfen. Innovative Modelle wie „Blended Care“ und die Kombination aus digitalen Tools mit ärztlicher Expertise zeigen Erfolge – vorausgesetzt, Datenschutz, Datenqualität und wissenschaftliche Begleitung sind gewährleistet. Die GKV fordert die rasche Integration digitaler Angebote und eine leistungsgerechte Finanzierung, mahnt aber Qualitätsstandards und Anbindung an die Regelversorgung an. Digitale Tools dürfen Präsenzkontakte aber nicht ersetzen, sondern müssen in ärztliche Behandlungsketten sinnvoll integriert werden. Für chronisch und schwer Erkrankte bleiben multiprofessionelle, oft präsenzgebundene Netzwerke unverzichtbar.

Die ärztliche Psychiatrie und Psychotherapie in Deutschland braucht echte Strukturreformen, eine nationale Fachkräfteoffensive, attraktive Arbeitsbedingungen und innovative Versorgungspfade, die ambulant, stationär und digital sinnvoll verzahnen. Klinikträger, Aufsichtsbehörden und Kostenträger sind gleichermaßen gefordert, die veränderten Realitäten mutig und kreativ aufzugreifen, starre Strukturen zu modernisieren und in den Aufbau gemeindenaher Netzwerke und digital gestützter Arbeitsformen zu investieren.

Wir als Vertreter/innen unseres Fachs sind gefordert, die Psychiatrie und Psychotherapie noch attraktiver in der ärztlichen Weiterbildung zu positionieren. Darüber hinaus sind multiprofessionelle Teams, entbürokratisierte Personalstrukturen, gezielte Nachwuchsförderung und eine modernisierte Finanzierung auf Basis von Patientenzentrierung und Outcome die Parameter für eine resiliente psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung der Zukunft.

Ihr
Falk Kiefer



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Article published online:
19 January 2026

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