Handchir Mikrochir Plast Chir 2006; 38(3): 164-171
DOI: 10.1055/s-2006-924180
Originalarbeit

Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Memantine und komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS): Behandlungseffekte und kortikale Reorganisation

Memantine and Complex Regional Pain Syndrome (CRPS): Effects of Treatment and Cortical ReorganisationN. Sinis1 , N. Birbaumer2 , 4 , A. Schwarz2 , S. Gustin2 , K. Unertl3 , H.-E. Schaller1 , M. Haerle1
  • 1Klinik für Hand-, Plastische, Rekonstruktive und Verbrennungschirurgie, BG-Unfallklinik, Eberhard-Karls-Universität Tübingen
  • 2Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie, Eberhard-Karls-Universität Tübingen
  • 3Klinik für Anästhesiologie und Transfusionsmedizin, Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Eberhard-Karls-Universität Tübingen
  • 4Center of Cognitive Neuroscience, University of Trento, Italy
Further Information

Publication History

Eingang des Manuskriptes: 20.7.2005

Angenommen: 10.3.2006

Publication Date:
04 July 2006 (online)

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Zusammenfassung

Hintergrund: An der Entwicklung und Aufrechterhaltung des komplexen regionalen Schmerzsyndroms (CRPS) sind zentralnervöse Faktoren beteiligt. Das Wissen um diese Beteiligung des ZNS fordert die Anwendung von zentral wirksamen Medikamenten zur Behandlung. Aus Tierstudien ist bekannt, dass im Rahmen von neuropathischen Schmerzerkrankungen der N-Methyl-D-Aspartat (NMDA)-Rezeptor verstärkt im zentralen Nervensystem expremiert wird. Zielsetzung: Das Ziel dieser Studie war es, den Zusammenhang zwischen dem NMDA-Rezeptorsystem und dem Krankheitsbild des CRPS zu demonstrieren. Methoden: Drei Patienten, die an einem CRPS der oberen Extremität litten, wurden mit dem oral verfügbaren NMDA-Rezeptorantagonisten Memantine für acht Wochen behandelt. Die Schmerzen wurden auf einer elfstufigen visuellen Analogskala gemessen. Hierbei wurde zwischen Ruhe- und Belastungsschmerz (nach fünfmaligem Faustschluss) differenziert. Weiterhin wurden Funktionseinschränkungen der Langfinger und des Handgelenks dokumentiert. Hiefür wurden der Fingernagel-Tisch-Abstand (FNTA in cm), der Fingerkuppen-Hohlhand-Abstand (FKHA in cm) und die Handgelenkbeweglichkeit (Neutral-Null-Methode, Heben und Senken) gemessen. Um die Kraftentwicklung zu beurteilen, wurden die Patienten an einem Jamar-Dynamometer und an einem Pinchmeter gemessen. Die kortikalen Vorgänge wurden mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) und Magnetenzephalographie (MEG) gemessen. Ergebnisse: Sechs Monate nach Behandlung mit Memantine lag bei keinem der drei Patienten ein Ruheschmerz vor. Weiterhin zeigte sich eine deutliche Verbesserung der Langfingerbeweglichkeit mit freiem Faustschluss und einem FNTA von 0 cm bei den Patienten 1 und 3. Hierzu kam auch eine Verbesserung der Handgelenkbeweglichkeit. Ebenso kam es im Verlauf zu einer deutlichen Steigerung der Kraft, gemessen mit dem Jamar-Dynamometer. Zusätzlich zu dieser deutlichen Befundverbesserung bezüglich Schmerzen und Funktion, ließ sich bei allen Patienten eine Abnahme der Schwellung an den betroffenen Extremitäten zeigen sowie ein Rückgang der Dystrophie. Mit dem fMRT und dem MEG konnte eine kortikale Reorganisation unterschiedlichen Ausmaßes gezeigt werden. Erstaunlicherweise zeigten sich diese Veränderungen nach achtwöchiger Behandlung mit Memantine rückläufig, auf ein Niveau, das der nicht betroffenen Hemisphäre entspricht. Schlussfolgerung: Diese ersten Ergebnisse weisen auf die Relevanz der zentral-nervösen Veränderungen im Rahmen des CRPS hin und unterstützen die Anwendung von NMDA-Rezeptorantagonisten bei der Behandlung.

Abstract

Backround: In recent studies a central nervous system involvement in the pathogenesis of Complex Regional Pain Syndrome (CRPS) was suggested, stimulating the introduction of central acting drugs. Animal studies have demonstrated an increased expression of the N-methyl-D-aspartate (NMDA) receptors in experimental neuropathic pain. Purpose: The aim of this study was to investigate the relationship between NMDA receptor blockers and CRPS. Method: Three patients suffering from CRPS of one upper extremity where treated with oral NMDA antagonist Memantine for eight weeks. Patients expressed their pain levels with a visual analog scale ranging from zero to ten at rest and after fist clenching. Furthermore, the range of movement of the fingers and the wrist were documented. To assess force, a pinchmeter and a dynamometer were used. Cortical reorganisation was studied with functional Magnetic Resonance Imaging (fMRI) and Magnetoencephalography (MEG). Results: Six months after treatment with Memantine no rest pain was present in any of the patients. Furthermore, an increase in finger movement was observed after six-month follow-up with no deficits and free movement ranges. Additionally, wrist movement was improved and an increase of force was measured after six months with the dynamometer and the pinchmeter. Moreover the functional impairment, cortical reorganisation was observed in all patients before treatment. These changes returned to a normal pattern after eight weeks of treatment with Memantine. Conclusion: These first results demonstrate central nervous system involvement in the development and maintenance of CRPS. The results (functional, pain, fMRI, MEG) after treatment with Memantine indicate the importance of the NMDA receptor system in neuropathic pain syndromes and provide a promising approach for the treatment of CRPS.