Dtsch Med Wochenschr 2002; 127(39): 2015-2020
DOI: 10.1055/s-2002-34360
Übersichten
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Phantomschmerzen nach Major-Amputationen

Pathogenese, Therapie und AusblickPhantom pain after major amputation etiology, treatment and researchC. Stremmel1 , R. Sittl2 , S. Eder1
  • 1Chirurgische Klinik mit Poliklinik (Direktor Prof. Dr. med. W. Hohenberger), Universität Erlangen-Nürnberg
  • 2Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin (Direktor Prof. Dr. med. Schüttler), Universität Erlangen-Nürnberg
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eingereicht: 3.12.2001

akzeptiert: 5.7.2002

Publication Date:
26 September 2002 (online)

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Prävalenz und Pathogenese von Phantomschmerzen nach Extremitätenamputation

Phantomschmerzen sind neuropathische Schmerzen, die nach Organamputation auftreten können und auf das fehlende Körperglied bzw. Körperorgan bezogen werden. In der Regel treten diese Beschwerden intermittierend auf und werden häufig durch stumme Perioden unterbrochen. Sie können nach Monaten und sogar Jahren durch unterschiedlichste Stimuli aktiviert werden, und sie können die verschiedensten Schmerzcharaktere annehmen. Von Phantomschmerzen abzugrenzen sind nichtschmerzhafte Phantomsensationen in dem fehlenden Körperglied sowie der neuropathische Schmerz im Bereich des Operationsstumpfes. Nahezu alle Patienten nach Extremitätenamputation berichten über Phantomsensationen [31], relevante Phantomschmerzen sind bei bis zu 78 % der Patienten dokumentiert (Tab. [1]). Die umfangreichsten Daten liefern Untersuchungen bei Kriegsverletzungen [12] [33] [46] . In Deutschland muss bei einer Häufigkeit von ca. 25 000 Major-Amputationen pro Jahr mit einer hohen Prävalenz von Phantomschmerzen gerechnet werden.

Tab. 1 Prävalenz von Phantomschmerzen nach Extremitäten- amputationen. Autor Jahr Fallzahl (n) Prävalenz Sherman 33 1984 2 750 78 % Pohjolainen 26 1991 124 59 % Houghton 12 1994 338 78 % Wartan 46 1997 525 55 % Kooijman 19 2000 99 51 % Ehde 5 2000 255 72 %

Die Pathogenese der Phantomschmerzen ist bis heute nicht genau bekannt. Phantomschmerzen gehören zu der Gruppe der chronischen Schmerzen, bei denen eine krankhafte Veränderung der Signalverarbeitung im Nervensystem verursacht oder verstärkt wird. Hierbei hinterlassen starke Schmerzen im Nervensystem Schmerzspuren oder ein so genanntes „Schmerzgedächtnis”. Deshalb steht gerade der präoperative Schmerz in der Pathogenese des Phantomschmerzes im Interesse der klinischen Untersuchungen. Es werden die verschiedensten klinischen Parameter mit der Entstehung des Phantomschmerzes in Verbindung gebracht, auf die im Folgenden eingegangen wird.

Vorbestehende chronische Schmerzzustände scheinen die Inzidenz von postoperativen Phantomschmerzen zu erhöhen [17]. Einige Studien konnten eine direkte Korrelation zwischen präoperativen chronischen Schmerzen und postoperativ auftretendem Phantomschmerz nachweisen und beschrieben eine Angleichung der Prävalenz im weiteren Verlauf [13]. So fanden Nikolajsen und Mitarbeiter [22] eine Woche und 3 Monate postoperativ eine statistische Signifikanz für den Zusammenhang von präoperativen Schmerzen und dem postoperativen Auftreten von Phantomschmerzen, jedoch war diese Signifikanz nach 6 Monaten nicht mehr nachweisbar. Auch die Arbeitsgruppe um Kooijman [19] zeigte, dass nach einer durchschnittlichen Amputationszeit von 19 Jahren keine Korrelation zwischen präoperativem Schmerz und dem Auftreten von Phantomschmerzen besteht. Einschränkend stellten Nikolajsen und Mitarbeiter [21] diesen Feststellungen ein Studienergebnis entgegen, bei dem die subjektive Überbewertung der präoperativ tatsächlich vorhandenen Schmerzintensität im späteren Verlauf nachgewiesen wurde und somit retrospektiv erhobene Daten kritisch zu werten sind.

Phantomschmerzen werden wie die meisten chronischen Schmerzzustände durch psychologische Faktoren wie Stress oder Depressionen beeinflusst und getriggert, wohingegen Persönlichkeitsstrukturen keinen Einfluss haben [34] [47].

Daneben wurden zahlreiche andere Parameter untersucht wie das Tragen einer Prothese, der zeitliche Verlauf (keine Änderung der Inzidenz mit der Zeit) [9] [46], das Geschlecht und die Extremitätendominanz [37] auf die Ausbildung von Phantomschmerzen, jedoch konnte für keinen dieser Punkte eine klinische Relevanz in mehreren unabhängigen Studien gefunden werden [19].

Die Ursache oder Grunderkrankung, die zu einer Amputation führt, hat keinen Einfluss auf die Prävalenz des Phantomschmerzes [5] [33] [46] .

kurzgefasst: Abgesehen von zahlreichen Hinweisen wurde kein eindeutiger Parameter gefunden, der das Auftreten von Phantomschmerzen vorhersagt. Jedoch scheinen der präoperative Schmerz und das induzierte „Schmerzgedächtnis” zumindest für den frühen postoperativen Phantomschmerz von Bedeutung zu sein und spielen deshalb für die Prophylaxe und Therapie eine zentrale Rolle. Der Einfluss auf den späteren Verlauf, nach 6 Monaten, scheint noch durch weitere individuelle Erfahrungen des Patienten geprägt zu werden.

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