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DOI: 10.1055/s-0043-108641
Drohende Frühgeburt: Liegen Schwangere zu kurz?
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Publikationsverlauf
Publikationsdatum:
17. Juli 2017 (online)
Frühgeburten sind ein großes Problem in der modernen Geburtshilfe, da sie zu einer hohen perinatalen Morbidität und Mortalität führen. Im Jahr 2015 lag die Frühgeburtenrate in Deutschland bei 8,55 Prozent [1]. Bei kurzer Zervix und/oder vorzeitiger Wehentätigkeit wird den Schwangeren als flankierende Maßnahme häufig Bettruhe verordnet. Diese Praxis basiert auf der Beobachtung, dass starke physische Anstrengung zu vorzeitiger Wehentätigkeit führen können. Körperliche Schonung und Bettruhe sind deshalb die am häufigsten getroffenen Anordnungen in der Geburtshilfe. Fast alle Frauenärzte haben sie ihren Patientinnen bereits empfohlen [2]. Ungefähr 18% der Schwangeren erhalten im Verlauf ihrer Gravidität den Hinweis, sich körperlich zu schonen [3]. Während sich Bettruhe für eine Vielzahl von Indikationen, wie vaginale Blutungen, vorzeitiger Blasensprung, fetale Wachstumsrestriktion und schwangerschaftsbedingte Hypertonie anbieten kann, soll im Folgenden nur der Stellenwert von Bettruhe bei drohender Frühgeburt kritisch betrachtet werden.
Ende der 2000er-Jahre gab es 2 Befragungen von Geburtshelfern in Nordamerika zum Thema Bettruhe bei verkürzter Zervixlänge. In Kanada verordneten Geburtshelfer, Allgemeinärzte und Hebammen in jeweils 72,3, 77,2 und 67,1% der Fälle von drohender Frühgeburt körperliche Schonung [4]. Bei einer entsprechenden Umfrage unter den Mitgliedern der SMFM (Society of Maternal-Fetal Medicine, USA) gaben mehr als 80% der Geburtshelfer und Perinatalmediziner an, Bettruhe als therapeutische Maßnahme einzusetzen [5]. Viele Hebammen und Frauenärzte glauben weiterhin, dass körperliche Inaktivität ohne negative Folgen für ihre Patientinnen bleibt und dass im Umkehrschluss körperliche Aktivität zu uteriner Kontraktilität, Verkürzung der Zervix und Erweiterung des inneren Muttermunds führt.
Leider gibt es bisher keine standardisierte Definition von Bettruhe. Diese ist je nach Quelle definiert als Bettruhe 3-mal täglich für 1 Stunde [6], Bettruhe für 22 – 23 Stunden am Tag [5] und kontinuierliche Bettruhe für 24 Stunden mit Ausnahme von Toilettengängen [7]. Diese Inkonsistenzen erschweren den Vergleich mehrerer Studien miteinander. Sciscione schlug als Lösung die Einteilung in leichte, moderate und strikte körperliche Schonung vor ([Tab. 1]), um für zukünftige Untersuchungen eine reproduzierbare Einteilung der körperlichen Schonung zu schaffen [2].
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Definition |
Art der Aktivitätsrestriktion |
|---|---|
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leicht |
1 h oder weniger kontinuierliche Ruhe im Bett oder in sitzender Position während des Tages. Kein Heben von Gewicht von mehr als 4,5 kg. |
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moderat |
Mehr als 1 h, aber weniger als 8 h kontinuierliche Ruhe während des Tages, keine Haushaltsaufgaben und kein Heben von Gewichten. Besuche beim Arzt sind erlaubt. |
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streng |
Aufenthalt im Haus außer zu Arztbesuchen. Kontinuierliche Ruhe im Sitzen oder im Liegen während des Tages. Keine Haushaltsaufgaben und kein Heben von Gewichten. |
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Literatur
- 1 Gesundheitswesen IQTIG. Bundesauswertung zum Erfassungsjahr 2015 Geburtshilfe. 2016 Online: https://iqtig.org/downloads/ergebnisse/qidb/2015/2016-05-25/QIDB_2015_INDIREKT_PDF/QIDB_2015_indirekte&%236;_Leistungsbereiche/BuAw_2015_INDIREKT/bu_Gesamt_16N1-GEBH_2015.pdf Stand: 03.05.2017
- 2 Sciscione AC. Maternal activity restriction and the prevention of preterm birth. Am J Obstet Gynecol 2010; 202: 232.e1-232.5
- 3 Goldenberg RL, Cliver SP, Bronstein J. et al. Bed rest in pregnancy. Obstet Gynecol 1994; 84: 131-136
- 4 Sprague AE, OʼBrien B, Newburn-Cook C. et al. Bed rest and activity restriction for women at risk for preterm birth: a survey of Canadian prenatal care providers. J Obstet Gynaecol Can 2008; 30: 317-326
- 5 Fox NS, Gelber SE, Kalish RB. et al. The recommendation for bed rest in the setting of arrested preterm labor and premature rupture of membranes. Am J Obstet Gynecol 2009; 200: 165.e1-165.e6
- 6 Hobel CJ, Ross MG, Bemis RL. et al. The West Los Angeles Preterm Birth Prevention Project. I. Program impact on high-risk women. Am J Obstet Gynecol 1994; 170: 54-62
- 7 Elliott JP, Miller HS, Coleman S. et al. A randomized multicenter study to determine the efficacy of activity restriction for preterm labor management in patients testing negative for fetal fibronectin. J Perinatol 2005; 25: 626-630
- 8 Sosa CG, Althabe F, Belizan JM. et al. Bed rest in singleton pregnancies for preventing preterm birth. Cochrane Database Syst Rev 2015; (03) CD003581
- 9 Crowther CA, Han S. Hospitalisation and bed rest for multiple pregnancy. Cochrane Database Syst Rev 2010; (07) CD000110
- 10 Kaji T, Yasui T, Suto M. et al. Effect of bed rest during pregnancy on bone turnover markers in pregnant and postpartum women. Bone 2007; 40: 1088-1094
- 11 Promislow JH, Hertz-Picciotto I, Schramm M. et al. Bed rest and other determinants of bone loss during pregnancy. Am J Obstet Gynecol 2004; 191: 1077-1083
- 12 Maloni JA, Schneider BS. Inactivity: symptoms associated with gastrocnemius muscle disuse during pregnancy. AACN Clin Issues 2002; 13: 248-262
- 13 Kovacevich GJ, Gaich SA, Lavin JP. et al. The prevalence of thromboembolic events among women with extended bed rest prescribed as part of the treatment for premature labor or preterm premature rupture of membranes. Am J Obstet Gynecol 2000; 182: 1089-1092
- 14 McCarty-Singleton S, Sciscione AC. Maternal activity restriction in pregnancy and the prevention of preterm birth: an evidence-based review. Clin Obstet Gynecol 2014; 57: 616-627
