Gesundheitswesen 2019; 81(01): 17-23
DOI: 10.1055/s-0042-116590
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Tabakkonsum und Inanspruchnahme medizinischer Leistungen im Jugendalter – Eine Analyse der KIGGS Daten

Tobacco Use and Utilization of Medical Services in Adolescence: An Analysis of the KiGGS Data
A. M. Fassmer*
1  Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS GmbH, Klinische Epidemiologie, Bremen
,
A. Luque Ramos*
2  Fakultät für Medizin und Gesundheitswissenschaften, Abteilung für Versorgungsforschung, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Oldenburg
,
C. Boiselle
3  Fachbereich 11 Human- und Gesundheitswissenschaften, Universität Bremen, Bremen
,
S. Dreger
4  Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS GmbH, Prävention und Evaluation, Bremen
,
S. Helmer
4  Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS GmbH, Prävention und Evaluation, Bremen
,
H. Zeeb
4  Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS GmbH, Prävention und Evaluation, Bremen
5  Wissenschaftsschwerpunkt Gesundheitswissenschaften, Universität Bremen
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Publication History

Publication Date:
17 November 2016 (eFirst)

Zusammenfassung

Ziel der Studie: In Deutschland ist nur wenig darüber bekannt, ob sich der Tabakkonsum von Jugendlichen auf ihr Inanspruchnahmeverhalten von Gesundheitsleistungen auswirkt. Die vorliegende Studie soll daher Frühfolgen des jugendlichen Rauchens identifizieren.

Methodik: Wir führten eine Re-Analyse von Querschnittsdaten der Basisbefragung (2003–2006) der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) durch. Um die Assoziation zwischen aktuellem Rauchstatus und der Inanspruchnahme medizinischer Leistungen in den 12 Monaten vor der Befragung zu untersuchen, wurden Prävalenzen ausgewählter Erkrankungen stratifiziert nach Rauchstatus ausgewertet. Daneben wurde sowohl der Anteil von Jugendlichen mit mindestens einem ambulanten Arztkontakt als auch die Gesamtzahl der Arztbesuche ermittelt. Für den stationären Bereich wurden Informationen zu den im Krankenhaus verbrachten Nächten analysiert. Ein logistisches Regressionsmodell wurde genutzt, um die Assoziation zwischen dem Rauchverhalten und der Inanspruchnahme ambulanter medizinischer Leistungen adjustiert nach Alter, Geschlecht, Sozialstatus, Migrationshintergrund und Komorbidität zu bestimmen.

Ergebnisse: 3 679 Jugendliche mit Angaben zum Rauchstatus zwischen 14 und 17 Jahren konnten in die Studie aufgenommen werden, von denen 49,1% weiblich waren und 31,7% aktuell rauchten. Die Prävalenz von Blasenentzündungen (+87,0%) und Bronchitis (+50,0%) war bei den rauchenden Jugendlichen deutlich erhöht. Im hausärztlichen Bereich war die Zahl von Jugendlichen, die einen Arzt in Anspruch nahmen, bei den Rauchern um 30,8% erhöht. Im fachärztlichen Bereich wurden erhöhte Kontaktzahlen nur bei Psychiatern (+171,4%) und Psychologen (+94,4%) gefunden. Im stationären Bereich zeigte sich, dass rauchende Jugendliche häufiger einen Krankenhausaufenthalt berichteten (+26,5%) und dieser mit einer längeren Verweildauer verbunden war (+19,7%). Es zeigte sich eine statistisch signifikante Assoziation zwischen aktuellem Tabakkonsum und einer erhöhten Häufigkeit der Inanspruchnahme medizinischer Leistungen in den vergangenen 12 Monaten (OR=1,20; 95%-KI: 1,02–1,40).

Schlussfolgerung: Tabakkonsum bei Jugendlichen geht mit einer erhöhten Prävalenz bestimmter Erkrankungen sowie einer erhöhten Inanspruchnahme medizinischer Leistungen einher. Ob der Tabakkonsum kausal ist, bleibt fraglich. Die im Rahmen von KiGGS laufende Kohortenstudie wird weiteren Aufschluss über die Art des Zusammenhangs geben können.

Abstract

Objective: In Germany, there is a lack of information on the correlation between tobacco use by adolescents and their utilization of medical care. The aim of this article is to identify possible early consequences of adolescent smoking.

Methods: We conducted a re-analysis of cross-sectional data of the baseline wave (2003–2006) of the German Health Survey for Children and Adolescents (KiGGS). To examine the association between current smoking status and utilization of medical care during the 12 months before the interview, prevalence of selected diseases was calculated, and stratified by smoking status. Besides, the proportion of adolescents who consulted a physician at least once and the total number of medical consultations were estimated. For the inpatient setting, information about the number of nights spent in a hospital was analyzed. In a multiple logistic regression, the association of smoking behavior with utilization of outpatient medical care was assessed, further adjusting for sociodemographic variables and comorbidities.

Results: The study population included 3 679 adolescents aged between 14 and 17 years. 49.1% were female and 31.7% were current smokers. Among smokers, there was an increased prevalence of cystitis (+87.0%) and bronchitis (+50.0%). Tobacco users consulted a general practitioner more frequently than non-smokers (+30.8%). As far as medical specialists are concerned, there were more consultations with psychiatrists (+171.4%) and psychologists (+94.4%), but there was no increase in the total number of visits. Additionally, smoking adolescents were more frequently hospitalized (+26.5%) and the stays were of longer duration (+19.7%). There was a statistically significant association between current tobacco use and a greater utilization of medical care (OR=1.20; 95%-CI: 1.02–1.40).

Conclusions: Tobacco use among adolescents was associated with increased prevalence of certain diseases and a greater utilization of medical care. Nevertheless, whether there is a causal connection is still debatable. The KiGGS cohort study will provide opportunities to further clarify the observed association.

*  gemeinsame Erstautorenschaft