Psychother Psychosom Med Psychol 2015; 65(11): 439-444
DOI: 10.1055/s-0035-1555925
Kurzmitteilung
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Funktionelle und somatoforme Störungen im Spiegel von ICD-10-Routinedaten

Functional and Somatoform Disorders in the Mirror of ICD-10 Routine Data
Michael Noll-Hussong
1   Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm
,
Alexander Otti
2   Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Klinikums rechts der Isar, Technische Universität München
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Publikationsverlauf

eingereicht 13. November 2014

akzeptiert 01. Juli 2015

Publikationsdatum:
26. Oktober 2015 (online)

Zusammenfassung

Die ICD-10 bietet die Möglichkeit der Doppelverschlüsselung von Diagnosen bei den funktionellen Störungen auf der einen, den somatoformen Störungen auf der anderen Seite. Anhand von selektiven Routinedaten der Daimler BKK für die Jahre 2008–2010 wurden die Abrechnungshäufigkeiten spezifischer funktioneller Diagnosen denjenigen der somatoformen Störungen gegenübergestellt, Zusatzdiagnosen erfasst und mit epidemiologischen Daten verglichen. Ziel war, aus Abrechnungszifferperspektive die Diagnosestellung beim routinemäßigen Umgang mit Patienten mit nicht-spezifischen, funktionellen und somatoformen Körperbeschwerden vergleichend abzubilden. Als ein Ergebnis zeigt sich, dass sich die in epidemiologischen Untersuchungen gefundene Häufigkeit von somatoformen Störungen in den vorliegenden Routinedaten nicht abbildet. Diejenige der funktionellen zeigt gegenüber den somatoformen Störungen ein Übergewicht. Bestimmte Zusatzdiagnosen, die Hinweise auf ätiologische Zusammenhänge liefern könnten, wurden kaum verwendet. Bei aller Diskussionswürdigkeit der Validität, Reliabilität und Zielrichtung von ICD-10-Abrechungsdiagnosen könnte sich eine versorgungsrelevante Schieflage andeuten. In dem Maße, in dem sich in den ICD-10-Routinedaten auch die Fachgebietszugehörigkeit der jeweiligen Behandler, Präferenzen von Patienten und ökonomische Gruppeninteressen abbilden, mögen nicht leitliniengerecht getroffene Diagnosen und daraus abgeleitete medizinische Prozeduren eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche Leistungserbringung verhindern.

Abstract

The ICD-10 offers the possibility of double coding of diagnoses in functional disorders on the one hand, somatoform disorders on the other side. The current S3 guideline for “dealing with patients with non-specific, functional and somatoform physical complaints” states that “[...] in most cases, the specialty of the (initial) examiner and not the clinical constellation seems to define how a diagnosis is made”. Based on selective routine data of the Daimler BKK for the years 2008–2010 frequencies of specific functional diagnoses were compared with those of somatoform disorders, additional diagnoses analyzed and compared with epidemiological data from the Federal Health Monitoring System. The incidence found in epidemiological studies of somatoform disorders cannot be found in present routine data. Functional disorders were more frequently diagnosed than somatoform disorders. Certain additional diagnoses that may provide clues to etiological relations are rarely used. As the validity, reliability and purpose of ICD-10 invoicing diagnoses is debatable, there seems to be an imbalance relevant for the health care system. Non-adherence to the guidelines may prevent adequate quality and quantity of patient care.