Psychother Psychosom Med Psychol 2015; 65(08): 304-310
DOI: 10.1055/s-0035-1545311
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Selbstmedikation: Eine bundesdeutsche Repräsentativbefragung zu Motiven, Anlässen und Informationsquellen für den Konsum rezeptfreier Medikamente

Self-Medication: A Nationwide Representative Survey on Motives, Reasons and Sources on Consuming Over-the-Counter Medication
Christiane Eichenberg
1   Department Psychologie, Sigmund Freud PrivatUniversität, Wien, Österreich
,
Felicitas Auersperg
1   Department Psychologie, Sigmund Freud PrivatUniversität, Wien, Österreich
,
Bernd Detlev Rusch
2   Marktforschung, Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG, Baierbrunn
,
Elmar Brähler
3   Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universität Leipzig
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Publikationsverlauf

eingereicht 12. Oktober 2014

akzeptiert 23. Januar 2015

Publikationsdatum:
28. April 2015 (online)

Zusammenfassung

Theoretischer Hintergrund: Selbstmedikation im Sinne einer eigenverantwortlichen Behandlung von Erkrankungen mit nicht-rezeptpflichtigen, ohne ärztliche Verordnung selbst gekauften Arzneimitteln, hat in den letzten Jahren zunehmend an Relevanz gewonnen – nicht zuletzt deshalb, weil seit 2004 nicht verschreibungspflichtige Medikamente aus der Erstattungsfähigkeit der gesetzlichen Krankenkassen gemäß GKV-Modernisierungsgesetz weitgehend ausgegrenzt wurden.

Fragestellungen: Wo haben sich die Bundesbürger schon über rezeptfreie Arzneimittel gezielt informiert bzw. beraten lassen? Welche gesundheitlichen Beschwerden wurden aus welchen Gründen schon einmal vor einem Arztbesuch mit rezeptfreien Medikamenten behandelt? Welche Einschätzungen, Erfahrungen und Gewohnheiten werden zur Selbstmedikation geteilt?

Methode: Bundesrepräsentative Befragung vom 7. bis 21.12.2012 im Zuge einer Mehrthemen-Erhebung, durchgeführt von der GfK Marktforschung in Nürnberg. Die Stichprobe, ausgewählt nach dem Quota-Verfahren, gilt als repräsentativ für die Grundgesamtheit der Männer und Frauen ab 14 Jahre in der Bundesrepublik Deutschland und beruht auf insgesamt 1 976 persönlichen Interviews.

Ergebnisse: Gegen mindestens eine der 25 in der Befragung erfassten Beschwerden/Krankheiten haben sich 94,9% der Befragten schon einmal mit rezeptfreien Arzneimitteln behandelt, bevor sie evtl. einen Arzt aufgesucht haben. Die Apotheke stellt die beliebteste Anlaufstelle dar, um gezielt Informationen über rezeptfreie Medikamente einzuholen. Am häufigsten werden leichte Erkältungsbeschwerden und Kopfschmerzen in Selbstmedikation behandelt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Für die meisten befragten Personen stehen jedoch die Bedenken im Vordergrund, wegen Kleinigkeiten den Arzt aufsuchen zu müssen bzw. sie halten die Beschwerden nicht für so bedrohlich, dass deswegen eine Konsultation erforderlich wäre. Als wesentlich bei der Vermeidung eines Besuches der ärztlichen Praxis werden oftmals lange Wartezeiten bzw. beschränkte Öffnungszeiten der Praxen genannt. Der Großteil der Befragten hat gute Erfahrungen mit Selbstmedikation gemacht. Allerdings scheint Selbstmedikation auch schon mal vor dem Arzt verheimlich zu werden.

Fazit: Selbstmedikation birgt Chancen und Risiken. Strategien werden vorgestellt, wie die Vorteile von Selbstmedikation betont und Risiken vorgebeugt werden können. Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient spielt hierbei eine zentrale Rolle.

Abstract

Introduction: Self-medication, meaning the autonomous treatment of self diagnosed diseases with non-prescription drugs, has become an increasingly relevant topic – not the least because since 2004 most non-prescription drugs were no longer refunded by statutory health insurance, due to the GKV-Modernisierungsgesetz. In light of the above, the central questions that motivate this paper are the following: – Where does the german population obtain information about non-prescription drugs? – Which health impairments are treated with non-prescription drugs before seeing a doctor and for what reasons? – Which habits, experiences and estimates concerning self-medication are shared?

Methods: To answer these questions the GfK market research institution in Nürnberg conducted a survey treating different topics from 7th to 21st December 2012. The sample selected by the quota method is considered to be representative for the population of men and women aged 14 and above in Germany and is based on a total of 1 976 personal interviews.

Results: 94.9% of those questioned did treat at least one of the 25 symptoms included in the survey with non-prescription medicine before potentially seeing a doctor. The most common place to obtain information about OTC products is pharmacies. The symptoms most commonly treated by oneself are cold symptoms and headaches. The evidence from this study suggests a variety of factors explaining this behavior. Most of the respondents do not want to see a doctor over minor issues, i. e., think their health problems are not severe enough require consulting a doctor. Furthermore long waiting times and limited opening hours are mentioned. The majority of the respondents had good experiences with self-medication. However, some of the participants keep their OTC use from their treating physicians.

Conclusion: In conclusion, it becomes evident that both opportunities and risks come with self-medication. Strategies to capitalize those opportunities and mitigate these risks are presented, with the trusted relationship between physician and patient playing critical role.