TumorDiagn u Ther 2013; 34(6): 304-308
DOI: 10.1055/s-0032-1319748
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Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Sexuelle Dysfunktionen – Und dann kam der Krebs

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Publication Date:
20 September 2013 (online)

Sexuelle Dysfunktionen als Nebenwirkung von Tumortherapien beeinträchtigen die Lebensqualität von Krebspatienten erheblich. Nach der Diagnose Krebs ist alles anders. Krebs konfrontiert die Betroffenen, deren Partner und Angehörige zunächst mit elementaren Fragen zu Tod, Kampf ums Überleben und Heilungschancen. Was aber kommt nach der Primärtherapie? In der Phase der Erholung und Rehabilitation werden nach und nach auch andere Ziele wieder wichtiger.

Das Wissen, dass die Heilungsquoten nach Krebs kontinuierlich steigen und die Wirksamkeit der Methoden zur Tumorbekämpfung bzw. Lebensverlängerung sich erheblich verbessert haben, bewirkt ein Übriges. Doch der Preis für Genesung oder ein verlängertes Leben ist nicht zu unterschätzen. Viele Therapiemethoden bedingen anhaltende körperliche Störungen und Versehrungen. Besonders onkologische Erkrankungen der Mamma, des Genital- oder Rektalbereichs sowie urologische Tumorerkrankungen haben vielfache Auswirkungen auf die Sexualität betroffener Frauen und Männer. Ein Aspekt, der in Studien und Befragungen nur als Randthema behandelt wird. Darum haben wir in der MediClin Kraichgau-Klinik immer wieder Patientenbefragungen durchgeführt, die im Folgenden Berücksichtigung finden.

Kein Bereich wird in unserer Gesellschaft so widersprüchlich behandelt wie der Umgang mit Erotik und körperlicher Liebe. Die Medien überfluten uns mit sexuell gefärbten Bildern und Texten bei einer gleichzeitigen Sprachlosigkeit in der individuellen Partnerschaft. Und gerade dies erschwert die offene Auseinandersetzung mit Sexualstörungen zwischen den Partnern. Wir haben nicht gelernt, „darüber“ zu reden. Besonders fatal sind die Auswirkungen nach Tumorerkrankungen, da die funktionellen Störungen der Sexualität und Veränderungen im erotischen Erleben sowie in der körperlichen „Liebesfähigkeit“ keine Seltenheit sind und so abrupt auftreten. Das ist Neuland für die Forschung, denn grundsätzlich ist festzustellen, dass auf Fragebögen zur Lebensqualität und zu Therapienebenwirkungen im Vergleich zu anderen Funktionssystemen der Bereich Sexualität unterrepräsentiert ist. Betrachtet man die Bedeutung von Sex in einer Partnerschaft ohne eine onkologische Erkrankung, zeigen Studien sehr deutlich, dass er viele Funktionen hat. Sex dient natürlich der Fortpflanzung, er gibt Lustgewinn, vermittelt Vitalität und Lebensfreude. Frauen werden in ihrer Weiblichkeit und Männer in ihrer Rolle als Eroberer bestätigt. Sexuelle Aktivität ist aber auch mit dem Gefühl, begehrt und sinnlich zu sein verbunden. Sex stärkt das „Wir-Gefühl“, und das wiederum schenkt Geborgenheit sowie persönliche Sicherheit in der Partnerschaft. Die Summe dieser positiven Emotionen ist für eine glückliche Beziehung von großer Bedeutung. Sex ist dabei nicht in jeder Beziehung gleich wichtig.

Betrachtet man die postoperativen Auswirkungen, wird deutlich, wie wichtig das offene Gespräch mit dem Partner oder auch anderen Betroffenen, Ärzten und Psychologen ist: Nach einer radikalen Prostata-Resektion sind Männer vorübergehend oder dauerhaft impotent, da die Nerven, die zur Erektion notwendig sind, oftmals beschädigt werden. Das gleiche kann auch bei anderen Eingriffen im kleinen Becken passieren, wie beispielsweise bei einer radikalen Enddarmresektion oder Zystektomie. Die Bestrahlung des weiblichen Unterleibes sowie die Entfernung von Gebärmutter oder Eierstöcken rufen bei Frauen ebenfalls erhebliche Störungen mit weitreichenden Folgen hervor.

Notwendige Hormontherapien führen zu herabgesetzter Lust und zu Schleimhautveränderungen. Brustkrebs, Hodenkrebs oder die Anlage eines künstlichen Darmausgangs: All diese Situationen haben – neben weitreichenden körperlichen – auch gravierende seelische Belastungen und damit Auswirkungen auf das sexuelle Erleben. Bei Männern wie bei Frauen.