Handchir Mikrochir plast Chir 2010; 42(1): 1
DOI: 10.1055/s-0030-1248254
Gasteditorial

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Das komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS)

Complex Regional Pain Syndrom (CRPS)H. Troeger
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Publication Date:
04 March 2010 (online)

Beim komplexen regionalen Schmerzsyndrom [CRPS] (Algodystrophie, Morbus Sudeck) handelt es sich um ein sehr facettenreiches Krankheitsbild nach Extremitätentraumata, operativen Eingriffen an den Extremitäten, aber auch nach anderen schmerzhaften Erkrankungen. Die Zuordnung der Erscheinungen und Symptome ist manchmal eindeutig, manchmal extrem schwierig. Beginnend mit der Erstbeschreibung 1864 durch Silas Weir Mitchel – von ihm mit den Namen „Kausalgie” belegt – und der Darstellung radiologischer Veränderungen durch Paul Sudeck im Jahre 1900 – er wählte dafür die Bezeichnung „Entzündliche Knochenatrophie” – war es erst 1986 unter der Schirmherrschaft der International Association for the Study of Pain (IASP) möglich, sich auf eine einheitliche Bezeichnung und zugehörige Kriterien zu verständigen. Unter der davor existierenden Namens-Vielfalt mit unterschiedlichen Symptomen leidet nicht zuletzt die Vergleichbarkeit der Ergebnisse von Studien und Mitteilungen mit den daraus abgeleiteten Konsequenzen.

Klinische Zeichen, spezielle Laborparameter und Befunde ermöglichen dabei eine didaktische Einteilung in verschiedene Stadien, ohne dass sich damit automatisch Prognosen verbinden lassen.

Gegenstand dieses Themenheftes ist ausschließlich das CRPS Typ I – das Krankheitsbild ohne das Vorliegen einer definierten Nervenläsion.

Hinsichtlich der Entstehung des CRPS hat man sich lange darüber gestritten, ob es sich um eine entzündliche Reaktion auf eine Noxe oder um eine vegetative Fehlregulation handelt. Inzwischen sind neuere bahnbrechende Erkenntnisse hinzugekommen, sodass heute auch Veränderungen direkt im ZNS ursächlich für das Krankheitsbild (und die sich daraus ergebenden Therapiemöglichkeiten) glaubhaft gemacht werden können. Daneben finden sich aber auch Unterschiede im Tonus des vegetativen Nervensystems bei Patienten mit einem CRPS-I und Veränderungen im Verhalten von Entzündungsmediatoren. So akzeptiert man heute, dass bei der Entstehung eines CRPS-I alle drei Komponenten gleichberechtigt in unterschiedlich starker Ausprägung vorhanden sein können.

Eine Reihe von Veränderungen an einer Gliedmaße kann aber auch ein CRPS-I nur vortäuschen, sodass auch der Differenzialdiagnose eine besondere Aufmerksamkeit zukommt. Hier leistet auch die Dermatologie ihren Beitrag.

Das Spektrum der medikamentösen Therapie ist differenzierter und breiter geworden. Dabei ist es mitunter schwierig, die reine Medikamentenwirkung abzugrenzen und zu bewerten, da in der Mehrheit der Fälle eine Kombination mit anderen Behandlungsmaßnahmen erfolgt.

Einige Schwerpunkte der Behandlung basieren dagegen ausschließlich auf klinischer Erfahrung und Empirie – ihre Wirksamkeit kann nicht immer mit exakten Studien belegt werden.

Die Einhaltung allgemeiner Behandlungsgrundsätze wie Schmerzvermeidung bzw. Schmerzreduktion, korrekte Ruhigstellung, schonende Reposition und atraumatische Operationsweise stellen das Schicksalhafte der Erkrankung durchaus in Frage und erlangen auch forensische Bedeutung in der gutachterlichen Bewertung.

In jedem Falle aber verlangt ein so komplexes Geschehen wie das CRPS-I auch eine komplexe Betrachtung in der Diagnostik und vor allem in der Therapie unter Einbeziehung verschiedener Fachgebiete und Spezialitäten.

Letztlich bleibt die Diagnose eines CRPS-I eine klinische Diagnose – Untersuchungsbefunde können dabei aber eine wertvolle Unterstützung bei der Bestätigung oder dem Ausschluss geben.

Die in diesem Heft zusammengestellten Beiträge werden die letzten Geheimnisse um dieses Krankheitsbild nicht vollständig erhellen können. Dennoch wollen wir uns bemühen, die heute gültigen wichtigen Erkenntnisse zur Pathophysiologie, zur Diagnostik einschließlich der Differenzialdiagnose, die verschiedenen Optionen für die Therapie und die Prophylaxe unter dem Gesichtspunkt einer umfassenden Betrachtung und Behandlung des Patienten mit einem CRPS-I zusammenzustellen. Dabei sind Gegensätze in den Auffassungen und Interpretationen nicht zu übersehen. Wir sehen darin keinen Widerspruch, da die Vergangenheit mitunter gezeigt hat, wie schnell sich Arbeitshypothesen und scheinbar gesicherte Erkenntnisse als fehlerhaft oder gar falsch erwiesen haben. Ebenso sind auch inhaltliche Überschneidungen, soweit sie zum Verständnis eines Teilaspektes notwendig sind, belassen worden.

Als Themenleiter dieses Heftes ist es mir ein besonderes Bedürfnis, allen Autoren für ihre sehr sorgfältigen Beiträge herzlich zu danken.

Hans Troeger

Korrespondenzadresse

Prof. Hans Troeger

Bethesda-Spital Basel Klinik für Hand- und periphere

Nervenchirurgie

Gellertstraße 144

4020 Basel

Switzerland

Email: troegerh@econophone.ch