Rehabilitation (Stuttg) 2009; 48(2): 84-90
DOI: 10.1055/s-0029-1202292
Originalarbeit

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Berufliche und soziale Partizipationsstörungen bei Patienten in der vertragsärztlichen Versorgung

Occupational and Social Participation Disorders in Patients in Office-Practice Medical CareB. Muschalla 1 , M. Vilain 1 , C. Lawall 2 , M. Lewerenz 2 , M. Linden 1
  • 1Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation an der Charité, Universitätsmedizin Berlin, und Abteilung Verhaltenstherapie und Psychosomatik am Rehabilitationszentrum Seehof der Deutschen Rentenversicherung Bund, Teltow/Berlin
  • 2Grundsatzreferat Recht der Rehabilitation und Teilhabe am Arbeitsleben, Referat 8011, Deutsche Rentenversicherung Bund, Berlin
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Publication Date:
17 April 2009 (online)

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Zusammenfassung

Hintergrund und Fragestellung: Niedergelas-sene Ärzte spielen eine zentrale Rolle in der Behandlung von chronischen Erkrankungen, d. h. Behinderungen gem. § 2 SGB IX, und der Bestimmung von sozialen Teilhabestörungen, d. h. insbesondere Arbeitsunfähigkeit. Es wird untersucht, in welcher Weise Patienten in Praxen niedergelassener Allgemein- und Fachärzte krankheitsbedingte Teilhabestörungen erleben und in welcher Weise diese Beeinträchtigungen mit erlebten Arbeitsplatzproblemen und Arbeitsunfähigkeit zusammenhängen.

Methode: 382 Patienten im Alter von 18–65 Jahren in Praxen niedergelassener Ärzte wurden mittels Fragebogen untersucht. Es wurden selbsteingeschätzte krankheitsbedingte Partizipationseinschränkungen im Alltags- und Berufsleben (IMET) sowie soziodemografische, berufsbezogene Merkmale und Arbeitsunfähigkeitsdauer erfasst.

Ergebnisse: 27,4% der 299 berufstätigen Patienten gaben an, von Arbeitsplatzproblemen betroffen zu sein. 19% waren aktuell arbeitsunfähig. Diese berichteten signifikant häufiger von Mobbingerfahrungen als die aktuell arbeitsfähigen Berufstätigen. Hinsichtlich quantitativer oder qualitativer Überforderung und äußeren Einflüssen gab es keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Partizipationsbeeinträchtigungen waren bei allen Patienten am stärksten ausgeprägt bezüglich der Berufsrolle und Bewältigung besonderer Belastungen, fanden sich jedoch ebenso bezüglich der Bewältigung von Pflichten in Familie und Haushalt sowie sozialen Aktivitäten. In allen Bereichen gaben die arbeitsunfähigen Patienten im Durchschnitt signifikant höhere Beeinträchtigungsgrade an als die arbeitsfähigen. Auch die Ärzte sahen psychosoziale Probleme bei ihren Patienten als häufigste Arbeitsplatzprobleme.

Schlussfolgerung: Chronische Krankheiten bzw. Behinderungen führen nicht nur zu arbeitsplatzbezogenen Partizipationsstörungen, sondern zu generellen, lebensbereichsübergreifenden Einschränkungen. In Praxen niedergelassener Ärzte sind Patienten mit derartigen Problemen häufig anzutreffen. Maßnahmen zur Verhinderung von beruflichen wie allgemein sozialen Teilhabestörungen und insbesondere entsprechende Frühinterventionen müssen niedergelassene Ärzte zwingend mit einbeziehen.

Abstract

Background: Primary care physicians play a crucial role in the assessment of restrictions in of participation, i. e. especially sick leave. In this study we investigated to which degree patients in primary care suffer from disorders of participation and how this is related to problems at the workplace and sick leave.

Method: A total of 382 patients, aged 18–65, were investigated in primary care office practices. Self-reported disorders of participation were measured with the IMET, together with sociodemographic and work-related information.

Results: 27,4% of 299 patients who were at present working reported to have problems at the workplace. 19% were at present on sick leave. These patients did significantly more often report mobbing at the workplace. No differences were found with respect to quantitative or qualitative overtaxation or with respect to context variables. Restrictions in of participation were strongest related to the workplace but were also reported for the domain of family or social activities. Patients on sick leave also showed more impairment in these private areas than patients at work. The treating physicians saw psychosocial problems as a primary cause for disorders of participation at the workplace.

Conclusion: Chronic illness does impair occupational as well as general social participation, and such patients are frequently seen in primary care. Physicians in primary health care therefore play an important role in the treatment of restrictions in of participation and especially in early intervention.

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