Klin Monbl Augenheilkd 2009; 226(11): R173-R186
DOI: 10.1055/s-0029-1186210
KliMo-Refresher
Rubrikherausgeber: G. Duncker, Halle
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Nebenwirkungen von Medikamenten am Auge

T. Schlote1 [*] , U. Kellner2 [*]
  • 1Tagesklinik Ambimed Basel
  • 2RetinaScience, AugenZentrum Siegburg
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Publication Date:
23 November 2009 (online)

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Einleitung

Die Beschäftigung mit medikamentösen Nebenwirkungen – bzw. unerwünschten Wirkungen – von Medikamenten gehört zur täglichen Arbeit in der konservativen Augenheilkunde. Dabei kann der Augenarzt heute auf einen breiten, ständig wachsenden Erfahrungsschatz zurückgreifen.

In vielen konkreten Fällen und Beispielen, wenn wissenschaftlich geprüfte, eindeutige Ergebnisse fehlen, lässt sich die Frage des möglichen kausalen Zusammenhangs aber nicht immer definitiv beantworten. Als Beispiel können hier insbesondere systemisch applizierte Medikamente außerhalb der Augenheilkunde dienen, wobei oft Augensymptome (z. B. Verschwommensehen) im Rahmen von Zulassungsstudien erfasst werden, der mögliche Zusammenhang zwischen Medikament und Symptom (z. B. Tränenfilminstabilität) aber nicht weitergehend geklärt wird.

Die WHO hat für die Beurteilung der Kausalität medikamentöser Nebenwirkungen orientierende Kriterien herausgegeben ([Tab. 1]). Diese können als Leitlinie für die Einschätzung der Wahrscheinlichkeit eines Zusammenhangs genutzt werden und als gute Plattform für die Darstellung des gegenwärtigen (limitierten) Wissensstands dienen [1].

Tab. 1 WHO-Definition zur Einschätzung der Kausalität einer vermuteten medikamentösen Nebenwirkung 1. sicher Ein klinisches Ereignis (einschließlich abnormaler Labortestergebnisse), das in einem plausiblen (engen) zeitlichen Zusammenhang zur Medikamenteneinnahme auftritt und nicht durch gleichzeitig vorhandene Erkrankungen, Medikamente oder Chemikalien erklärt werden kann. Die Reaktion auf das Absetzen des Medikaments sollte klinisch plausibel sein. Das Ereignis muss pharmakologisch oder phänomenologisch nachgewiesen werden, wozu auch das erneute Ansetzen des Medikaments (rechallenge) gehören kann. wahrscheinlich Ein klinisches Ereignis (einschließlich abnormaler Labortestergebnisse), das (1.) in einem nachvollziehbaren Zeitabstand zur Einnahme eines Medikaments auftritt, wobei es unwahrscheinlich ist, das dieses durch gleichzeitig vorhandene Erkrankungen oder andere verabreichte Medikamente oder Chemikalien hervorgerufen sein könnte, und (2.) das eine nachvollziehbare Reaktion auf das Absetzen des Medikaments (dechallenge) zeigt. Informationen über Reaktionen auf ein erneutes Ansetzen des Medikaments werden für die Erfüllung dieser Definition nicht benötigt. möglich Ein klinisches Ereignis (einschließlich abnormaler Labortestergebnisse), das (1.) in einem nachvollziehbaren Zeitabstand zur Einnahme eines Medikaments auftritt, aber (2.) ebenso durch gleichzeitig existente Erkrankungen oder andere verabreichte Medikamente oder Chemikalien hervorgerufen sein könnte. Informationen zum Einfluss eines Absetzens des Medikaments auf das Ereignis sind unvollständig oder unklar. unwahrscheinlich Ein klinisches Ereignis (einschließlich abnormaler Labortestergebnisse), das (1.) in einem zeitlichen Zusammenhang mit einer Medikamenteneinnahme auftritt, der einen kausalen Zusammenhang unwahrscheinlich macht, und (2.) bei dem andere Medikamente, Chemikalien oder vorhandene Erkrankungen ebenfalls eine ausreichende Erklärung für das Ereignis bieten. noch nicht abschließend klassifiziert Ein klinisches Ereignis (einschließlich abnormaler Labortestergebnisse), über das im Sinne einer Nebenwirkung berichtet wird, wobei aber mehr Daten für eine aussagekräftige Einschätzung benötigt werden oder diese weiteren Daten bereits erhoben werden. nicht klassifizierbar Ein Bericht, indem eine Nebenwirkung vermutet wird, der aber (1.) nicht nachvollzogen werden kann, da die vorliegenden Informationen unvollständig oder widersprüchlich sind, und der (2.) nicht ergänzt oder überprüft werden kann.

Bei der Auslösung einer Nebenwirkung spielen – neben den Eigenschaften eines Wirkstoffs selbst – grundsätzlich viele weitere Faktoren eine wichtige Rolle. Hierzu gehören Zusatzstoffe (Konservierungsmittel), Dauer, Dosis und Art der Applikation eines Wirkstoffs, Interaktionen mit anderen Wirkstoffen, sowie individuelle Faktoren wie genetische Prädisposition, Vor- und Begleiterkrankungen oder auch das Alter des Patienten im Sinne der Stoffwechselaktivität.

Im Folgenden werden, den einzelnen anatomischen Strukturen folgend, wesentliche Veränderungen und Nebenwirkungen an diesen beschrieben, ohne dass dabei die umfassende Originalliteratur und entsprechende Buchpublikationen ersetzt werden können.