Arthritis und Rheuma 2024; 44(01): 4-5
DOI: 10.1055/a-2231-2822
Editorial

Gendermedizin in Rheumatologie und Orthopädie

Anne Regierer
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Yvette Meißner
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Anja Strangfeld
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Priv.-Doz. Dr. Anne Regierer
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Dr. Yvette Meißner
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Prof. Dr. Anja Strangfeld

Liebe Leser*innen der ersten Ausgabe der arthritis + rheuma im Jahr 2024,

mit diesem Heft möchten wir einen momentan viel diskutierten Aspekt der Medizin aufgreifen, die sogenannte Gendermedizin, auch geschlechtsspezifische oder geschlechtersensible Medizin genannt.

Immer häufiger setzt sich die Erkenntnis durch, dass Frauen und Männer unterschiedliche Risikofaktoren für das Auftreten von Erkrankungen aufweisen, Symptome und Ausprägungen der Krankheiten unterschiedlich sind und auch deren Prognose häufig durch das Geschlecht beeinflusst wird. Ein prominentes Beispiel hierfür ist das signifikant höhere Risiko für einen schwereren Verlauf bzw. Versterben bei COVID-19 für Männer im Vergleich zu Frauen. Geschlechtsspezifische Unterschiede bestehen aber nicht nur hinsichtlich bestimmter Krankheitscharakteristika, sondern auch in der medizinischen Versorgung. Sowohl biologische als auch soziokulturelle Unterschiede können hierfür ursächlich sein.

In der Rheumatologie gibt es darüber hinaus bei einigen Erkrankungen sehr starke Unterschiede in der Prävalenz mit deutlich mehr betroffenen Frauen, z. B. bei der rheumatoiden Arthritis oder dem systemischen Lupus erythematodes. In diesem Heft widmen sich die Autor*innen verschiedenen Aspekten einer geschlechtsspezifischen Betrachtung von rheumatologischen und muskuloskelettalen Erkrankungen.

Hildrun Haibel, Uta Kiltz und Kolleginnen beschreiben klinische, diagnostische und therapeutische Besonderheiten bei Frauen mit Spondyloarthritiden. Bei diesen dauert es z. B. weiterhin länger bis zur korrekten Diagnosestellung und sie erfahren häufiger Fehldiagnosen als männliche Patienten, was die Krankheitslast bei Frauen erhöht. Frauen weisen zudem eine größere Vielfalt an klinischen Symptomen auf, u. a. eine höhere Prävalenz für Nackenschmerzen und peripheren Manifestationen.

Für die Diagnostik der axialen Spondyloarthritis ist die Bildgebung des Achsenskeletts und der Sakroiliakalgelenke wesentlich. Welche geschlechtsspezifischen Aspekte hierbei beachtet werden müssen, wird von Katharina Ziegeler und Denis Poddubnyy zusammengefasst. Sie stellen dar, dass nicht nur die anatomisch unterschiedliche Beschaffenheit der Gelenke von Männern und Frauen für klinisch relevante Unterschiede in der Bildgebung sorgen, sondern auch das Erscheinungsbild. Insgesamt ist die diagnostische Genauigkeit einer MRT der Sakroiliakalgelenke bei Frauen niedriger als bei Männern und sollte deshalb mit Vorsicht interpretiert werden.

Um bestmögliche Behandlungsergebnisse in der Orthopädie und Unfallchirurgie zu erzielen, plädiert Ralph Gaulke für eine umfassende Berücksichtigung aller Faktoren, die diese beeinflussen können. Hierzu zählen u. a. auch geschlechtsspezifische Aspekte. So weisen Männer und Frauen sowohl konstitutionelle als auch Unterschiede in der Statik auf. Wie sich dies auf einzelne Gelenke auswirkt und damit auch das Vorgehen bei bestimmten operativen Eingriffen angepasst werden sollte, wird ausführlich erläutert.

Hans-Christian Schuppe und Frank-Michael Köhn beschreiben aus andrologischer Sicht reproduktionsmedizinische Aspekte bei rheumatologischen Erkrankungen des Mannes. Sie zeigen auf, dass Fertilitätsstörungen bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen nicht nur durch die Erkrankung selbst, sondern auch durch deren Therapie und bestimmte Lebensstilfaktoren beeinflusst werden. Die Diagnostik bei unerfülltem Kinderwunsch wird ausführlich dargestellt und therapeutische Optionen aufgezeigt. Nach der Lektüre wird deutlich, dass bei bestehendem, besonders aber bei unerfülltem Kinderwunsch, eine interdisziplinäre Betreuung inklusive umfassender andrologischer Diagnostik angestrebt werden sollte.

Der Blickwinkel von weiblichen Patientinnen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen in Bezug auf Kinderwunsch und Schwangerschaft wird im Artikel von Yvette Meißner beleuchtet. Der Konflikt zwischen der eigenen und der kindlichen Gesundheit kann zu Unsicherheiten führen, die sich auch auf das emotionale und psychische Wohlbefinden der Patientinnen auswirken. Die größten Sorgen und Ängste der Patientinnen betreffen die Arzneimitteltherapie und das Krankheitsmanagement. Es besteht ein hoher Bedarf an aktuellen und umfassenden Informationen, beginnend mit dem Entscheidungsprozess für oder gegen ein Kind, über die Schwangerschaft bis zum Elternsein.

Wir wünschen Ihnen neue Erkenntnisse und viel Freude bei der Lektüre der vielfältigen Beiträge in diesem Heft und wünschen Ihnen für das Jahr 2024 alles Gute

Ihre

Anne Regierer, Yvette Meißner und Anja Strangfeld



Publication History

Article published online:
28 February 2024

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