Arthritis und Rheuma 2023; 43(05): 345-349
DOI: 10.1055/a-2132-6790
Kasuistik Kinderrheumatologie

Wechselseitige Fazialisparese bei einem Mädchen afrikanischer Herkunft

Kristina Rücklová
1   Pädiatrie 2, Klinikum Stuttgart
,
Anita Heinkele
2   Pädiatrie 2, Klinikum Stuttgart
,
Friederike Blankenburg
3   Pädiatrie 2, Klinikum Stuttgart
,
Matthias S. Dettmer
4   Institut für Pathologie, Klinikum Stuttgart
,
Dina Alnaggar
4   Institut für Pathologie, Klinikum Stuttgart
,
Markus A. Rose
4   Institut für Pathologie, Klinikum Stuttgart
,
Barbara Gerold
4   Institut für Pathologie, Klinikum Stuttgart
,
Peter Amrhein
4   Institut für Pathologie, Klinikum Stuttgart
,
Anton Hospach
4   Institut für Pathologie, Klinikum Stuttgart
› Author Affiliations

Fallbericht

Anamnese

Bei der bislang gesunden 7-jährigen Patientin aus Nigeria wurde in der Augenklinik bei beidseitiger granulomatöser Uveitis der Verdacht auf eine Tuberkulose geäußert und sie der Kinderrheumatologie zugewiesen. Bei der Patientin kam es bereits vor einem Monat aufgrund einer alternierenden Fazialisparese und Artikulationsstörungen in einer auswärtigen Klinik zu einer stationären Aufnahme. Seit dem Beginn der Symptomatik hatte die Patientin beidseitig gerötete Augen ohne Schmerzen oder Visusminderung. Die Eltern bemerkten zudem eine sich verschlechternde Hypakusis. Initial hatte sie einmalig Fieber ohne weitere systemische Symptome. Anamnestisch bestand keine organische oder anorganische Antigenexposition, keine Hausrenovierung erinnerlich.

Familienanamnese

Die Mutter hatte in der Vergangenheit eine Perineuritis nervi optici unklarer Genese und wurde mit Prednisolon behandelt. Das Schädel-MRT und die Liquoranalyse waren nicht wegweisend. Der Stiefvater hat eine latente Tuberkulose (IGRA-Positivität) und eine chronische Skleritis.


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Aufnahmebefund

Guter Allgemeinzustand, eutropher Ernährungszustand. Beidseitige Rötung der Augen und Hypopyon bei Beleuchtung. Unauffälliger internistischer, muskuloskelettaler und neurologischer Befund, insbesondere keine restliche Fazialisparese. Keine Hautveränderungen, Arthritis, Hepatosplenomegalie oder Lymphknotenvergrößerung. Lungen beidseitig gut belüftet, kein Herzgeräusch oder Rhythmusstörung.


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Labor und weitere Diagnostik

Laborchemisch zeigte sich eine leichte Erhöhung des Serumkalziums, erhöhte Blutsenkungsgeschwindigkeit, ein erhöhter löslicher IL-2 (sIL2)-Rezeptor, erhöhte Immunglobuline und im Verlauf ein mild erhöhtes Angiotensin Converting Enzyme (ACE). Differenzialdiagnostisch wurde eine Tuberkulose durch einen negativen T-Spot sowie negative TB-PCR und Mikroskopie der Tränenflüssigkeit ausgeschlossen ([ Tab. 1 ]).

Tab. 1

Relevante Laborparameter im Verlauf der Erkrankung.

Parameter

Wert

Referenzbereich

CRP

< 1 mg/l

< 5

BSG

59 mm/h

< 20

Ca

2,73 mmol/l

2,00–2,65

25-OH Vitamin D

26 μg/l

30–50

ACE

119 U/l

29–112

Leukozyten

4,5 Tsd/μl

4,5–13

Lymphozyten

2,3 Tsd/μl

1,5–6,0

Hämoglobin

9,9 g/dl

11,8–15

Thrombozyten

404 Tsd/μl

180–520

ALT

36 U/l

< 35

AST

39 U/l

< 60

Lipase

48 U/l

< 60

Kreatinin

0,5 mg/dl

0,3–0,7

IgG

20 g/l

6–13

IgA

3 g/l

0,6–2,2

IgM

2,7 g/l

0,4–1,6

sIL2-Rezeptor

1454 kU/l

158–623

Lysozym

838 μg/l

700–2580

Calprotectin im Stuhl

216 μg/g

< 150

Kalzium/Kreatinin im Urin

0,09 mg/mg

< 0,21

Urinstatus

Leuko 70/μl

< 10

Urinkultur

negativ

negativ

T-Spot

negativ

negativ

TB-PCR in Tränenflüssigkeit

negativ

negativ

Liquor

Leuko 40/μl

< 4

CD4/CD8-Quotient im BAL

3,6

0,7–2,8

Bei der augenärztlichen Untersuchung mit Spaltlampe und Fundoskopie konnte der Befund mit einer granulomatösen Panuveitis vereinbart werden. Es zeigten sich für eine okuläre Sarkoidose typische Befunde, insbesondere beidseitige speckige Hornhautendothelbeschläge und Irisknötchen (Koeppe-Knötchen), zeltförmige anteriore Synechien, Glaskörperverdichtungen (Snowballs) und periphere chorioretinale Läsionen ([ Abb. 1 ]). [1]

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Abb. 1 (a) Granulomatöser Hypopyon (gelber Pfeil) und speckige Retrokornealbeschläge auf dem Endothel (weiβe Pfeile); (b) nach der Therapie zirkuläre hintere Synechien (gelbe Pfeile), keine Beschläge und kein Hypopyon mehr.

Die pädaudiologische Untersuchung ergab eine hochgradige, an Taubheit grenzende Hypakusis rechts sowie eine leicht bis mittelgradige Höreinschränkung links. Der initiale Befund wurde durch BERA (Brainstem Evoked Response Audiometry) bestätigt. Hier zeigten sich rechts bis 100 dB keine Potenziale, links lieβen sich Potenziale bis 50 dB in der Luftleitung und bis 40 dB in der Knochenleitung ableiten ([ Abb. 2 ]).

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Abb. 2 (a) Audiogramm des rechten Ohrs: Initial schwere Hörminderung in allen Frequenzen. 4 Monate nach Beginn der Therapie mittelschwere Schwerhörigkeit bei der Frequenz von 0,5 kHz, bei 1–4 kHz weiterhin ausgeprägte Schwerhörigkeit mit der Lautspiegelgrenze von 80 dB. (b) Audiogramm des linken Ohrs: Initial leichte bis mittelschwere Hörminderung in allen Frequenzen. 4 Monate nach Beginn der Therapie völlig normales Hörvermögen.

Die weitere apparative Diagnostik ist in [ Tab. 2 ] zusammengefasst. Hiermit konnte eine Lungenbeteiligung ausgeschlossen werden. Das Schädel- und Innenohr-MRT konnte eine chronische Sinusitis sowie Cochleitis und Labyrinthitis als Teil des Krankheitsbildes nachweisen. Das FDG-PET/CT vom Herzen ist in [ Abb. 3 ] dargestellt und zeigt dezente FDG-Anreicherungen linksventrikulär, die keine klinischen Konsequenzen für die Patientin bedeuten (sie hat keine Herzrhythmusstörungen und keine Herzfunktionsminderung).

Tab. 2

Befunde der apparativen Diagnostik mit Betonung von sarkoidosetypischen Pathologien.

Diagnostik

Befund

Röntgen Thorax

Keine hiläre Lymphadenopathie, keine noduläre Lungenveränderungen.

Lungenfunktion

Leicht erhöhter Atemwegswiderstand, keine Restriktions- oder Obstruktionszeichen (FVC 106 %, FEV1 103 %). Unauffällige Diffusionsmessung (DLCO) 117 %.

Echokardiografie

Gute ventrikuläre Funktion, keine Verdünnung des interventrikulären Septums.

EKG, Langzeit-EKG

Keine ventrikuläre Extrasystolie oder Tachykardie, kein AV-Block.

Schädel-MRT

Verlegter Sinus maxillaris und Cellulae ethmoidales rechts, etwas verstärktes pachymeningeales Kontrastenhancement, sonst unauffälliger Befund, insbesondere keine Raumforderung und keine Weiβsubstanzläsionen.

MRT Innenohr

Labyrinth und Cochlea beidseits ohne Anhalt für Fehlbildungen. Nervus vestibulocochlearis beidseits normal. Keine Raumforderungen. Zeichen der Labyrinthitis/Cochleitis beidseits.

FDG-PET/CT

Kein Nachweis einer FDG-aviden bihilären/mediastinalen Lymphadenopathie, Lungen ohne Nachweis eines sarkoidosetypischen perilymphatischen Aussaat. Teils fokal imponierende FDG-Anreicherungen linksventrikulär (im Apex, im basalen Septum sowie im Bereich eines Papillarmuskels lateral). Siehe [ Abb. 3 ]. Verlegter Sinus maxillaris und Cellulae ethmoidales rechts passend zu einer Sinusitis. Sonst keine auffällige FDG-Organanreicherungen.

Herz-MRT

Keine pathologische Kontrastaufnahme, keine Granulome.

Ultraschall vom Abdomen

Keine Lymphadenopathie, keine Hepatosplenomegalie, keine Nephrokalzinose.

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Abb. 3 FDG-PET/CT vom Herzen. Dezente FDG-Anreicherungen im Apex sowie linksventrikulär basal (gelbe Pfeile).

Zur Diagnosesicherung erfolgte eine Biopsie der chronisch entzündeten maxillären Nasennebenhöhlen. In der Histologie zeigten sich einzelne epitheloidzellige Granulome mit Nachweis von Riesenzellen in der Nachbarschaft. Der Befund war mit einer Sarkoidose vereinbar. Kein Nachweis einer Eosinophilie, keine Vaskulitis. Pilze oder säurefeste Stäbchen ließen sich ebenfalls nicht nachweisen ([ Abb. 4 ]).

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Abb. 4 Histologie des Nasennebenhöhlenbiopsats. Epitheloidzelliges nichtnekrotisierendes Granulom mit Riesenzellen. In der Umgebung Lymphozyten. Keine vermehrte Eosinophilie. (Blauer Pfeil: Epitheloidzelliges Granulom mit Riesenzellen)

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Publication History

Article published online:
18 October 2023

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Georg Thieme Verlag KG
Rüdigerstraße 14, 70469 Stuttgart, Germany

 
  • Literatur

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